2. Juni 2026
„Wie die Zeit vergeht.“
Nun ist es wieder soweit, eben hat der Winter noch ein starkes Lebenszeichen von sich gegeben, doch die Natur drängt in Richtung Frühling. Eine gefährliche Zeit bricht an, unübersehbar und hörbar, „die Finken schlagen, die Bäume schlagen aus und der Salat fängt an zu schießen“.
Dies ist die Zeit, in der wir früher, damit meine ich die Zeit unserer Anfänge, wo wir ungeduldig darauf gewartet haben, endlich wieder loszuziehen, um auf Sammeltour zu gehen. Einige Ungeduldige hat es bereits im Winter bei Eis und Schnee in die Lafreider Hölle getrieben, eine waghalsige Tour übrigens, auch im Sommer, doch das Sammelfieber ist oftmals stärker als die Vernunft. Die jugendliche Unbekümmertheit und die Tatsache, dass wir nur sonntags Zeit hatten, um unserem Hobby nachzugehen, nutzten wir jede Gelegenheit, ungeachtet der Wetterverhältnisse. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, wo ich mich mit Peter aus Laas zu einer Tour auf die Seiser Alm/Dialer verabredete. Zeitig starteten wir von zuhause, ungeachtet der Tatsache, dass es noch viel Schnee auf der Alm geben würde. Das erkannten wir spätestens, als wir bereits oberhalb Spitzbühl bis zu den Knien im Schnee versanken und wir uns dem Unsinn unseres Tuns bewusst wurden. Also umkehren, was sonst, es ist noch früher Vormittag. Hier oben gibt es heute nichts zu holen, also runter ins Tal. Und so landeten wir schließlich in Mezzocorona, wo wir schon öfters auf der Suche nach Calciten waren. So verrückt können nur Sammler sei.
An dieser Stelle bin ich beim Schreiben unterbrochen worden. Dazwischen ist nunmehr viel Zeit vergangen und es hat sich viel verändert in meiner Denk- und Schreibweise. Gesundheitlich angeschlagen hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und so ist mir nach der Mineralienbörse in Nals (und spätestens nach der Info in St. Johann) bewusst geworden, dass Erinnerungen, wenn man sie nicht mit anderen teilt, auch zur Belastung, sprich Depression führen kann. Erinnerungen und Erfahrungen muss man mit anderen teilen können, ansonsten werden es nur Erzählungen. Andererseits sind Erinnerungen keine nostalgischen Emotionen, sondern gelebte Vergangenheit, Dokumentation, Protokolle von damals. In der heutigen schnelllebigen Zeit vergisst man allzu leicht Althergebrachtes zu schätzen oder daraus zu lernen.
Nun, das Alter bringt es mit sich, dass es niemanden mehr gibt, mit dem man Erinnerungen austauschen kann, wenn die alten Weggefährten sich bereits ins Jenseits verabschiedet haben oder anderweitig nicht mehr zu erreichen sind. Und so bin ich eben wieder da, wo alles angefangen hat. Nicht dass früher alles besser war, nein, anders eben, offener, kameradschaftlicher, Sammler besuchten sich gegenseitig, jeder kannte die Sammlung des Anderen, irgendetwas Besonderes hatte jeder zu bieten, Freundschaften entstanden, und zerbrachen, auch das gab es. All das nur um einiges zu erzählen. Wie schnell die Zeit vergangen ist bisher. Die Gründung der Vereine hat vieles verändert, nicht alles war gut oder besser geworden. Die goldene Zeit der 70er und 80er Jahre ist Vergangenheit, Gründe dafür gibt es viele, allein die Mobilität hat dazu beigetragen, die Vorschriften und Verbote, die Bildung durch Literatur und Medien. Anders als bei Vereinen wie Musikkapellen, Chören oder Sportvereinen, die größtenteils aus Leuten aus dem Ort stammen und so durch regelmäßige Treffen Gemeinschaften bilden, sind Mineraliensammler Individualisten, mit unterschiedlichen Vorlieben und Praktiken, Kenntnissen oder auch finanziellen Möglichkeiten. Das hat sich auch bei der diesjährigen Info in St. Johann gezeigt, wie wenig die restlichen Vereine der alpinen Präsenz der „Stoansuicha“ entgegensetzen konnten. Dass die Info überwiegend alpin ausgerichtet ist und auch bleiben wird, liegt nicht allein in der geografischen Lage mit den weitläufigen Sammelgebieten, sondern auch in der Faszination der Bergkristalle. Dagegen ist nichts einzuwenden und man wird sehen, was die Zukunft bringt.
Apropos Zukunft: Je schneller wir der Gegenwart enteilen, desto schneller folgt uns die Vergangenheit. Und so schließe ich heute mit meinem Lieblingszitat: „Morgen ist heute schon gestern.“
„Glück Auf!“
Georg Unterrainer
Im März und Mai 2026